Toxische Chefs: Warum Unternehmen das Problem selbst verwalten
Sechs von zehn Arbeitnehmern haben wegen schlechter Vorgesetzter gekündigt oder ernsthaft darüber nachgedacht. Trotzdem befördert knapp jedes zweite Unternehmen toxische Führungskräfte weiter.

Schlechte Führung ist kein Randproblem. Eine Umfrage der Plattform LiveCareer zeigt: Die Mehrheit der Unternehmen toleriert toxisches Verhalten von Chefs, solange die Zahlen stimmen. Das kostet Stellen, Vertrauen und am Ende Geld.
Was die Zahlen sagen
Rund 60 Prozent der befragten Arbeitnehmer haben wegen eines schlechten Vorgesetzten gekündigt oder ernsthaft darüber nachgedacht. Drei Viertel glauben, dass schlechte Führungskräfte weit verbreitet oder schlicht unvermeidbar sind.
Knapp jede zweite toxische Führungskraft wird trotz schlechten Verhaltens befördert oder in ihrer Position gehalten. Das System bestraft das Problem nicht, es belohnt es.
54 Prozent der Mitarbeiter trauen sich nicht, Probleme mit der Personalabteilung zu besprechen. Sie befürchten, damit die eigene Karriere zu gefährden.
Was schlechte Chefs konkret tun
Die Umfrage hat erhoben, welche Verhaltensweisen Angestellten am häufigsten begegnen. Bevorzugung von Lieblingen nennen 36 Prozent. Erfolge anderer für sich beanspruchen 30 Prozent. Erwartungen mitten im Prozess ändern 26 Prozent. Verantwortung ausweichen 20 Prozent. Kleinste Details kontrollieren und Burnout ignorieren jeweils 19 Prozent.
Weitere genannte Verhaltensweisen: Angestellte vor anderen demütigen, Inkompetenz, alles gleichzeitig als Priorität behandeln und eine feindselige Atmosphäre erzeugen. Was als Spannungen im Team beginnt, endet in Desinteresse, Burnout und verfehlten Zielen.
Coaching ändert wenig
Nur etwa sechs Prozent der Führungskräfte ändern nach Coachings tatsächlich ihr Verhalten. Wer glaubt, das Problem mit einem Seminar lösen zu können, verschwendet Budget.
66 Prozent der Angestellten gehen davon aus, dass ihr Unternehmen eine toxische, aber leistungsstarke Führungskraft trotzdem toleriert. Die Botschaft: Ergebnisse rechtfertigen Verhalten. Das gilt auch als Signal an alle anderen im Team.
Was das für kleine Unternehmen bedeutet
Wer ein Unternehmen mit wenigen Mitarbeitern führt, spürt jede Kündigung direkt. Es gibt keinen Puffer. Jeder Abgang kostet Zeit und Geld für die Nachbesetzung.
In kleinen Teams ist Führungsverhalten direkt sichtbar. Es gibt keine Hierarchieebenen, die schlechtes Verhalten abfedern. Wer als Gründerin oder Gründer selbst führt oder eine erste Führungskraft einstellt, trägt die Konsequenzen unmittelbar.
Der Fachkräftemangel verschärft die Lage. Qualifizierte Menschen haben Alternativen. Sie wechseln und reden darüber, auf Bewertungsplattformen und im Netzwerk. Die Reputation als Arbeitgeber entscheidet mit darüber, wen man überhaupt noch erreicht.
Was Führungskräfte konkret prüfen sollten
Wer selbst führt, sollte regelmäßig prüfen, ob Mitarbeiter tatsächlich offen Probleme ansprechen können. Anonyme Kurzbefragungen im Team sind ein einfaches Mittel dafür.
Wer eine Führungskraft einstellt oder bereits beschäftigt, sollte deren Verhalten nicht nur an Zahlen messen. Fluktuation im Team, Krankenstand und direkte Rückmeldungen von Mitarbeitern sind Indikatoren, die zählen.
Coachings helfen laut den Umfragedaten kaum. Wer wirklich etwas ändern will, braucht klare Erwartungen, Konsequenzen bei Verstößen und die Bereitschaft, auch bei leistungsstarken Personen durchzugreifen.
Fazit
Schlechte Führung ist kein Soft-Skill-Thema. Sie treibt Mitarbeiter aus dem Unternehmen und kostet direkt Geld. Wer das als Gründerin oder Gründer ignoriert, weil jemand gute Zahlen liefert, trifft eine bewusste Entscheidung. Die Konsequenzen trägt das gesamte Team.


