Depotcharge: 2,7 Mio. Euro für geteilte Ladeinfrastruktur im Güterverkehr
Das Münchner Startup Depotcharge hat eine Pre-Seed-Finanzierung über 2,7 Millionen Euro abgeschlossen und baut gemeinsam mit dem Transportverband BGL ein bundesweites Depot-Ladenetz für Elektro-Lkw auf. Das Modell: Speditionen öffnen ungenutzte Ladepunkte für andere Flotten.

Depotcharge hat seine erste externe Finanzierungsrunde abgeschlossen. Das Münchner Startup sichert sich 2,7 Millionen Euro in einer Pre-Seed-Runde, also einer frühen Finanzierungsphase noch vor einem marktreifen Produkt. Lead-Investor ist der High-Tech Gründerfonds (HTGF), einer der größten deutschen Frühphasen-Investoren. Mitinvestiert haben xdeck Ventures, Kopa Ventures und Prequel Ventures sowie mehrere Business Angels aus Logistik, Elektromobilität und Energiewirtschaft.
Parallel dazu gibt das Unternehmen eine Partnerschaft mit dem Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) bekannt. Gemeinsam starten sie unter dem Namen BGL Charge ein bundesweites Depot-Ladenetz für elektrische Lastwagen.
Das Problem: Ladeinfrastruktur steht zu oft leer
Viele Logistikunternehmen haben in den vergangenen Jahren eigene Ladeinfrastruktur auf ihren Betriebshöfen aufgebaut. Der Grund: Elektro-Lkw laden planbar. Die Route ist bekannt, die Standzeiten sind kalkulierbar. Öffentliche Schnellladestationen sind für den Güterverkehr meist zu teuer und zu unzuverlässig.
Das schafft allerdings ein anderes Problem. Laut Depotcharge bleiben mehr als 60 Prozent der installierten Depot-Ladekapazitäten ungenutzt. Die Hardware ist vorhanden, wird aber nur zu bestimmten Zeiten gebraucht. Gleichzeitig fehlen anderen Flotten geeignete Lademöglichkeiten, wenn sie fremde Depots anfahren oder ihre Strecke variiert.
Depotcharge setzt genau hier an. Betreiber können ihre freien Ladezeiten über die Plattform anderen Transportunternehmen anbieten. Sie legen selbst fest: welche Preise sie verlangen, wann Ladepunkte verfügbar sind und wer Zugang bekommt. Depotcharge übernimmt die Vermarktung, Zugangssteuerung, Abrechnung und Zahlungsabwicklung im Hintergrund.
BGL bringt 7.000 Mitgliedsunternehmen mit
Die Partnerschaft mit dem BGL ist für Depotcharge strategisch relevant. Der Verband organisiert nach eigenen Angaben rund 7.000 Unternehmen über seine Landesverbände. Das sind potenzielle Nutzer und gleichzeitig potenzielle Anbieter von Ladepunkten.
Unter der Marke BGL Charge sollen die vorhandenen Ladepunkte dieser Unternehmen zu einem gemeinsamen Netzwerk verbunden werden. Das Prinzip ähnelt dem einer Sharing-Plattform: Wer Kapazität hat, stellt sie bereit. Wer Kapazität braucht, bucht sie.
Depotcharge gibt an, dass bereits mehr als 200 Unternehmen mit rund 600 Elektro-Lkw auf der Plattform registriert sind. Zusätzliche Reichweite soll die Zusammenarbeit mit der E.L.V.I.S. AG bringen. Die Einkaufsgemeinschaft für Transportunternehmen hat mehr als 250 Partnerunternehmen an über 350 Standorten. E.L.V.I.S. bindet seine Gemeinschaft als eigene Community in BGL Charge ein.
Das Modell läuft bereits in der Schweiz
Depotcharge ist kein unbeschriebenes Blatt. Seit Mai 2026 arbeitet das Unternehmen in der Schweiz mit dem Transportverband ASTAG zusammen. Unter dem Namen ASTAG Charge powered by Depotcharge entsteht dort ein vergleichbares nationales Depot-Ladenetz. Das Schweizer Modell dient nun als Blaupause für Deutschland.
Mittelfristig will Depotcharge das Netzwerk auf die DACH-Region und Benelux ausweiten. Perspektivisch sollen auch Industrie- und Handelsunternehmen eingebunden werden, die eigene Betriebshöfe mit Ladeinfrastruktur betreiben.
Was das für kleine Logistikunternehmen bedeutet
Wer als kleines oder mittleres Transportunternehmen Elektro-Lkw einsetzt oder plant, steht oft vor einer schlichten Frage: Wie und wo lasse ich die Fahrzeuge laden, wenn sie nicht auf dem eigenen Hof stehen? Öffentliche Infrastruktur ist im Güterverkehr keine zuverlässige Antwort.
Das Modell von Depotcharge könnte dieses Problem für Betriebe ohne großes eigenes Ladenetz lösen, zumindest dann, wenn das Netzwerk dicht genug wird. Ob die Netzabdeckung auf relevanten Routen tatsächlich ausreicht, hängt davon ab, wie viele Unternehmen ihre Kapazitäten tatsächlich öffnen. Das ist die offene Frage bei jedem Sharing-Ansatz.
Wer selbst Ladeinfrastruktur auf dem Betriebshof betreibt, kann umgekehrt prüfen, ob sich eine Teilnahme als Anbieter rechnet. Ob und zu welchen Konditionen das möglich ist, hängt von der jeweiligen Vereinbarung mit Depotcharge ab.
Fazit
Depotcharge verfolgt einen Ansatz, der strukturell Sinn ergibt: vorhandene, aber ungenutzte Infrastruktur zu teilen. Die Kombination aus frischem Kapital, einem starken Verbandspartner und einem laufenden Pilotprojekt in der Schweiz verschafft dem Startup eine solide Ausgangslage. Ob daraus das führende Ladenetz für den elektrischen Güterverkehr in der DACH-Region wird, entscheidet sich in den kommenden zwei Jahren. Die Kennzahl dafür ist nicht das Kapital, sondern die Zahl der tatsächlich geteilten Ladepunkte.


