Was OpenAI wirklich von europäischen KI-Gründern erwartet
Amaury de Longvilliers sitzt in Marseille und entscheidet mit, welche europäischen Startups Zugang zu OpenAI-Ressourcen bekommen. Seine Kriterien sind konkreter als die üblichen Investoren-Phrasen.

Amaury de Longvilliers arbeitet im Go-to-Market-Team von OpenAI, kurz GTM. Er ist dafür zuständig, europäische Startups zu identifizieren, die schnell wachsen und die Sprachmodelle von OpenAI tief in ihr Produkt einbauen. Er sitzt nicht in San Francisco, sondern in Marseille. Sein Job ähnelt laut eigener Aussage dem eines Venture Capitalists: Startups sichten, Verträge verhandeln, technische Unterstützung gewähren. Dabei hat er klare Vorstellungen davon, wen er unterstützt und wen nicht.
Idee ist zweitrangig, Ausführung zählt
De Longvilliers formuliert es direkt: Nicht die Idee entscheidet, sondern die Ausführung. Er schaut darauf, wie gut Gründer ihren Markt kennen, wie präzise sie das Problem verstehen und wie schnell sie erkennen, ob sie tatsächlich etwas bewegen können.
Was er damit meint, ist konkret: Produkte sollen früh zu echten Nutzern. Nicht erst nach Monaten stiller Entwicklung. Wer ein halbes Jahr baut, ohne Feedback einzuholen, verliert Zeit, die in diesem Markt teuer ist.
De Longvilliers betont noch einen weiteren Punkt: Besessenheit. Gründer müssen von dem Problem, das sie lösen wollen, wirklich überzeugt sein. Nicht von der Technologie, nicht vom Markt im Allgemeinen, sondern vom konkreten Problem.
Resilienz als Auswahlkriterium
De Longvilliers nennt Resilienz ausdrücklich als das wichtigste Merkmal starker Gründer. Die entscheidende Frage ist nicht, ob schlechte Nachrichten kommen, sondern wie schnell man sich davon erholt.
Der Hintergrund ist praktisch: KI-Modelle entwickeln sich schnell. Was heute als beste Lösung gilt, kann in vier Wochen überholt sein. De Longvilliers beschreibt das aus eigener Erfahrung: Als er bei OpenAI anfing, waren bestimmte Modelle von Anthropic für manche Aufgaben besser geeignet als die eigenen. Das hat sich inzwischen verändert. Gründer, die sich zu früh auf ein einziges Modell festlegen, riskieren, diese Verschiebungen zu verpassen.
Sein Rat ist deshalb eindeutig: Modelle wie Werkzeuge behandeln. Wer heute auf GPT-4o setzt, sollte morgen offen sein zu wechseln, wenn ein anderes Modell für den Anwendungsfall besser oder günstiger ist.
Europa als Standort: konkrete Vorteile
Die Frage, ob KI-Startups nach San Francisco müssen, beantwortet de Longvilliers mit Nein. Er begründet das sachlich.
In San Francisco konkurrieren Startups direkt mit Google, Meta und anderen großen Tech-Konzernen um dieselben Ingenieure. Das treibt Gehälter in die Höhe. In Europa ist dieser Wettbewerb geringer. Gute KI-Ingenieure gibt es auch hier. Sie sind oft günstiger und bleiben Unternehmen länger treu.
Das ist kein Aufruf zur Selbstgefälligkeit. Der US-Markt bleibt groß und relevant. Der Standortvorteil Europas liegt in der Kosten- und Talentstruktur, nicht in der Nähe zu Kapital oder einem bestimmten Ökosystem.
Was das für kleine Teams bedeutet
Die Kriterien, die de Longvilliers beschreibt, gelten für jeden, der ein Produkt baut und früh Klarheit über seinen Markt gewinnen will.
Konkret heißt das: Wer noch kein Produkt bei echten Nutzern hat, sollte damit anfangen. Wer sein KI-Modell seit Monaten nicht gewechselt hat, sollte prüfen, ob es noch die beste Option ist. Wer nach San Francisco schaut, weil er glaubt, nur dort erfolgreich sein zu können, unterschätzt die Vorteile des eigenen Marktes.
De Longvilliers arbeitet nicht mit jedem Startup. Er wählt jene aus, die strategisch zu OpenAI passen und ein hohes Nutzungsvolumen mitbringen. Für die meisten kleinen Teams ist das kein realistisches Ziel. Die Denkmuster, die er beschreibt, sind aber übertragbar.
Fazit
Wer ein KI-Produkt baut, braucht keine großen Ressourcen. Aber er braucht Klarheit über das Problem, schnelle Lernzyklen und die Bereitschaft, Annahmen zu verwerfen. Das ist kein neues Prinzip. Selten kommt es jedoch so direkt aus dem Inneren eines der einflussreichsten KI-Konzerne der Welt.


