KI baut den Content, der Gründer behebt die Fehler
Vincent Betz arbeitet bis zu 120 Stunden pro Woche an seiner Wett-App "Bettie". Der größte Zeitfresser ist nicht die Entwicklung neuer Funktionen, sondern das Beheben von Hunderten kleiner Fehler.

Vincent Betz, 25 Jahre alt, entwickelt in Berlin eine Plattform namens "Bettie". Nutzer können dort mit Spielpunkten auf Nachrichtenereignisse tippen, etwa auf Wahlergebnisse oder Fußballspiele. Echtes Geld ist nicht im Spiel. Vorbild ist die amerikanische Wett-App Polymarket, die hunderttausende Nutzer hat. Betz baut seine Version mit KI-Unterstützung, im Rahmen eines zehnwöchigen Förderprogramms von Gründerszene in Berlin.
120 Stunden, meistens für Kleinkram
Betz gibt an, bis zu 120 Stunden pro Woche zu arbeiten. Das entspricht etwa 17 Stunden täglich, sieben Tage die Woche. Soziale Kontakte schiebt er auf später. Familienmitglieder und Freunde aus München besuchen ihn manchmal in Berlin. Er sagt ihnen ab.
Was bleibt von dieser Zeit übrig? Vor allem Fehlersuche. "Wenn mich jemand fragt, was ich die Woche gemacht habe, lautet die ehrliche Antwort meistens: Fehler behoben", sagt Betz. Formeln im Hintergrund versagen. Das Design verrutscht. Funktionen, die gestern liefen, laufen heute nicht mehr.
Das ist kein Einzelfall. Wer allein oder im Kleinstteam eine App baut, verbringt einen Großteil der Zeit nicht mit dem Aufbau neuer Funktionen, sondern damit, das Bestehende stabil zu halten. Das gilt besonders, wenn KI-Modelle zentrale Aufgaben übernehmen, denn deren Output muss kontrolliert und korrigiert werden.
Wie der KI-Workflow funktioniert
Betz hat einen automatisierten Prozess aufgebaut, der Nachrichtenportale und soziale Netzwerke nach Trends durchsucht. Daraus entstehen neue Wettfragen, die er manuell freigibt, bevor sie auf der Plattform erscheinen. Die Fragen lauten etwa: "Welches wird das Jugendwort des Jahres?" oder "Wird der FC Bayern Deutscher Meister?"
Der nächste Schritt: Die KI soll auch die Auflösung der Wetten übernehmen. Das System soll anhand von Nachrichtenartikeln selbstständig erkennen, wie ein Ereignis ausgegangen ist, zum Beispiel eine Landtagswahl oder ein Fußballspiel. Das würde manuellen Aufwand sparen. Bis das zuverlässig funktioniert, braucht es weitere Korrekturdurchläufe.
Für das visuelle Design sammelt Betz Screenshots von Websites, die ihm gefallen. Diese Beispiele nutzt er, um Codex zu trainieren, das Vibecoding-Modell von OpenAI. Das Modell erzeugt daraus Code für das Layout von "Bettie". Vibecoding bezeichnet einen Ansatz, bei dem Entwickler dem Modell beschreiben, wie etwas aussehen soll, und das Modell schreibt den Code dazu.
1.500 Besucher, aber Wiederkehr fehlt
Bislang haben 1.500 Menschen die Plattform besucht. Die meisten kamen über Social Media: Reels auf LinkedIn und Instagram, dazu Berichterstattung über das Projekt. Das reicht für einen ersten Test, ist aber kein stabiles Wachstum.
Das eigentliche Problem: Nutzer kommen einmal und kehren nicht zurück. Betz setzt deshalb auf Ligen. Nutzer treten in Ranglisten gegeneinander an. Wer aufsteigen will, muss regelmäßig tippen. Das schafft einen Grund, wiederzukommen. Betz plant außerdem, Unternehmen eigene Ligen anbieten zu können. Marken könnten dort für Werbeplätze zahlen.
Ein Ratschlag, den Betz aus Gesprächen mit erfahrenen Gründern mitgenommen hat: Erst wenn tausend Nutzer regelmäßig zurückkommen, lohnt es sich, den nächsten Schritt zu gehen. Bis zum Ende des Förderprogramms will er 10.000 aktive Nutzer erreichen.
Was das für Gründer mit kleinem Team bedeutet
KI-Modelle können Content, Code und Workflows automatisieren. Das beschleunigt den Aufbau eines Produkts erheblich. Aber sie erzeugen auch Fehler, die manuell gefunden und behoben werden müssen. Der Zeitgewinn durch Automatisierung wird teilweise durch den Kontrollaufwand aufgefressen.
Wer allein oder zu zweit eine App baut, sollte realistisch kalkulieren: Ein KI-generierter Workflow läuft nicht von selbst. Er braucht Pflege, Überprüfung und regelmäßige Korrekturen. Das kostet Zeit, auch wenn der Output automatisch entsteht.
Die Strategie von Betz, zuerst eine kleine, loyale Nutzerbasis aufzubauen, bevor er skaliert, ist nachvollziehbar. Wachstum ohne Wiederkehr ist kein Wachstum, sondern Marketingaufwand ohne Ertrag.
Fazit
"Bettie" zeigt, wie weit man mit KI-Tools allein kommen kann. Und wo die Grenzen liegen: Ein automatisierter Content-Workflow spart Zeit, ersetzt aber nicht die Arbeit dahinter. Fehler beheben, Design anpassen, Nutzer zurückbringen - das bleibt Handarbeit. 120-Stunden-Wochen sind kein Geschäftsmodell. Sie sind ein Zeichen dafür, dass ein Prozess noch nicht stabil läuft.


