Insekten als Lebensmittel: Warum der Markt nicht funktioniert
Mehrere deutsche Startups haben den Versuch, Insekten als Lebensmittel zu verkaufen, bereits aufgegeben. Der Absatz blieb aus, die Kosten blieben hoch.

Grillenburger und Mehlwurmaufstrich stehen nicht im Supermarktregal. Lidl, Aldi Süd, Rewe und tegut führen aktuell keine Insektenprodukte. Die Nachfrage fehlt. Was das für Gründer bedeutet, die auf diesen Markt setzen, zeigt ein Blick auf die Unternehmen, die es versucht haben.
Ein Boom, der keiner war
Zwischen 2018 und 2022 galt Insektenprotein als vielversprechendes Segment. Die EU stufte Insekten 2018 als neuartige Lebensmittel ein. Das Thema war medial präsent. Isabell Weiß, Agrarökonomierin und Doktorandin an der Universität Göttingen, schätzt, dass es damals zwischen 20 und 30 Unternehmen gab, die Insekten für Lebensmittel züchteten oder züchten wollten. Heute geht sie von weniger als zehn Unternehmen in Deutschland aus.
Plumento Foods aus Pforzheim brachte nach eigenen Angaben als erstes Unternehmen in Deutschland insektenbasierte Lebensmittel in den Einzelhandel: Pasta, Burger-Patties, Proteinriegel, Snacks. Trotz medialer Aufmerksamkeit entstand kein stabiler Markt. Geschäftsführer Daniel Mohr verkauft heute keine Insektenprodukte mehr.
Wer umgesattelt hat und warum
Gia Tien Ngo gründete 2018 Alpha Protein in Baden-Württemberg. Sein ursprüngliches Ziel war die Produktion von Mehlwürmern als Lebensmittel. Doch der Lebensmittelbereich sei noch zu klein, sagt er selbst. Alpha Protein stellt in Dielheim heute verarbeitetes Tierfutter und lebende Insekten als Terrarienfutter her.
Ähnlich verlief es bei Entava, einem 2020 in Mecklenburg-Vorpommern gegründeten Startup. Bis 2024 produzierte das Unternehmen getrocknete Insekten und Mehlwurmmehl für Lebensmittelweiterverarbeiter: Riegel, Müsli, Cracker. Dann wurde dieser Geschäftszweig eingestellt. Entava produziert heute ausschließlich für den Tierfutterbereich. Geschäftsführerin Raijana Schiemann begründet das mit fehlendem Absatz und hohem bürokratischen Aufwand bei der Zulassung neuer Insektenprodukte.
Drei Hauptprobleme
Weiß benennt das Kernproblem klar: Der Absatz war schlecht, die Kosten waren hoch. Viele Gründer in der Branche hätten Tempo und Skalierung zu optimistisch eingeschätzt.
Dazu kommt die Konkurrenz. Insekten stehen bei der Frage nach nachhaltiger Ernährung im direkten Wettbewerb mit veganen und vegetarischen Produkten. Wer auf Nachhaltigkeit setzt, muss sich nicht zwingend für Insekten entscheiden. Pflanzliche Alternativen haben einen Vertrauensvorsprung.
Das dritte Problem ist kulturell. Weiß nennt Ekel und die Abneigung gegenüber unbekannten Lebensmitteln als größte Hürden. Insekten sind in Europa als Nahrungsmittel nicht etabliert. Das lässt sich durch Marketing allein nicht überwinden.
Tierfutter statt Teller
Der Hauptabsatzmarkt für Insekten ist die Futtermittelproduktion, nicht der menschliche Verzehr. Das gilt für Deutschland und für Europa. Wer ein Unternehmen in diesem Bereich aufbaut, sollte das als Ausgangspunkt nehmen, nicht als Rückzugsoption.
Laut Weiß findet das Geschäft mit Insektenprodukten für Endverbraucher vor allem online statt. Der stationäre Einzelhandel hat sich aus dem Segment weitgehend zurückgezogen.
Gibt es noch eine Perspektive?
Gia Tien Ngo sieht Anzeichen für eine zweite Welle. Mehrere Insolvenzen in der Branche hätten das Angebot verknappt. Alpha Protein verzeichne deshalb mehr Anfragen als zuvor. Ob das eine strukturelle Trendwende ist oder schlicht die Folge des Marktaustritts von Konkurrenten, ist offen.
Ngo vergleicht Insekten mit Sushi. Auch das habe in Deutschland Jahrzehnte gebraucht, bis es akzeptiert wurde. Das ist ein mögliches Argument, aber kein Businessplan.
Fazit
Wer heute ein Unternehmen im Bereich Insektenprotein gründet oder aufbaut, sollte den Lebensmittelmarkt für Endverbraucher nicht als kurzfristigen Wachstumsmarkt kalkulieren. Der Einstieg über Tierfutter oder Aquakultur ist betriebswirtschaftlich stabiler und regulatorisch einfacher. Der Lebensmittelbereich bleibt ein Nischenmarkt mit hohem Zulassungsaufwand, niedrigem Verbraucherinteresse und harter Konkurrenz durch pflanzliche Produkte. Wer trotzdem in diese Richtung will, braucht einen langen Atem und ausreichend Kapital für die Durststrecke.


