Reichweite ohne Wirkung: Wenn Views keine Nutzer bringen
10.000 Views auf Social Media, aber kaum neue Nutzer in der App: Das Startup CircleRecs zeigt, warum Reichweite allein kein Geschäftsmodell trägt. Wie die Gründer das Problem angehen wollen.

Viele Aufrufe, wenige Nutzer: Das ist die aktuelle Lage von CircleRecs. Die App der beiden Gründer Garry und Vu soll Restaurantempfehlungen aus dem Freundeskreis bündeln. Das Produkt steht. Der Kanal fehlt noch.
Das Kernproblem: Klicks werden nicht zu Nutzern
Garry und Vu haben begonnen, Videos auf Social-Media-Kanälen zu veröffentlichen. Einzelne Videos erreichten bis zu 10.000 Aufrufe. Diese Reichweite hat sich nicht in Anmeldungen übersetzt. Fünf Creator sind bislang aktiv in der App, einer davon mit mehr als 100.000 Followern und über 100 eingestellten Empfehlungen. Auf der Warteliste stehen rund 70 Personen.
Aufmerksamkeit und Nutzung sind zwei verschiedene Dinge. Wer ein Video sieht, muss noch lange keine App herunterladen. Wer eine App herunterlädt, muss sie noch nicht verwenden.
Garry beschreibt die Lage nüchtern: Die App sei bisher vor allem für Freunde und Creator zum Ausprobieren gedacht gewesen. Gezielte Werbung habe es noch nicht gegeben.
Sechs Kanäle, ein Ziel: 1.000 Nutzer bis Anfang September
Die beiden testen mehrere Wachstumswege parallel. Keiner davon ist garantiert. Alle kosten Zeit.
Creator mit bestehender Reichweite
Food-Creator sollen Empfehlungen in der App einstellen und ihre Follower mitbringen. Langfristig sind auch Creator außerhalb der Food-Nische geplant. Das Prinzip: Wer der Person vertraut, vertraut auch ihrer Empfehlung.
Internes Netzwerk als erster Markt
CircleRecs entstand im Rahmen eines Fellowship-Programms im Axel-Springer-Hochhaus in Berlin. Der Konzern beschäftigt nach Angaben der Gründer rund 2.000 Menschen am Standort. Diese sollen die App testen, sich gegenseitig folgen und erste interne Netzwerke aufbauen.
Creator-Event als PR-Hebel
Für den 2. September planen Garry und Vu ein Event mit 25 bis 30 Influencern und weiteren Gästen. Das Ziel: Teilnehmer sollen danach freiwillig über die App berichten. Ob das gelingt, hängt davon ab, ob das Produkt beim Event überzeugt.
Bestehende Gemeinschaften anzapfen
Unigruppen, Erasmus-Communities und Laufgruppen sollen als erste soziale Mikronetzwerke dienen. Diese Gruppen haben bereits Vertrauen untereinander. CircleRecs will dieses Vertrauen für Empfehlungen nutzen.
Flyer im Stadtgebiet
Garry und Vu wollen am Wochenende Flyer in Berlin verteilen. Das ist günstig, aber in der Conversion schwer messbar. Die Gründer selbst nennen es offen: Sie wollen viel ausprobieren.
Medienkooperation
Das Reiseportal Travelbook, ebenfalls Teil von Axel Springer, soll einen eigenen Account anlegen und Redaktionsempfehlungen einstellen. Das bringt kuratierten Content in die App, ohne dass die Gründer selbst produzieren müssen.
Monetarisierung: Kostenlos für Nutzer, kostenpflichtig für Unternehmen
Die App soll für Endnutzer dauerhaft kostenlos bleiben. Garry hält das für einen Grundsatz bei Consumer-Apps. Das Geld soll über Unternehmensaccounts kommen.
Im Fokus stehen Hotels. Diese sollen für kuratierte Empfehlungen und digitale Sammlungen bis zu 100 Euro monatlich zahlen. Bis zum Abschlussevent des Fellowship-Programms am 10. September wollen die Gründer damit erste Umsätze erzielen.
Was Gründer daraus mitnehmen können
Der Fall CircleRecs zeigt ein Problem, das viele junge Apps kennen: Der Weg vom View zum registrierten Nutzer ist nicht automatisch. Reichweite ersetzt keinen klaren Aktivierungspfad. Wer ein Video sieht, braucht einen konkreten Grund, die App zu öffnen, und dann einen weiteren, sie zu behalten.
Das parallele Testen vieler Kanäle ist ein legitimer Ansatz in frühen Phasen. Er erzeugt aber auch Messaufwand. Wer sechs Kanäle gleichzeitig bespielt, muss nachher wissen, welcher davon etwas gebracht hat. Sonst lernt man nichts.
Das Ziel von 1.000 Nutzern bis Anfang September ist ehrgeizig. Mit aktuell rund 70 Personen auf der Warteliste und wenigen aktiven Creatorn ist der Abstand noch groß. Ob die genannten Maßnahmen reichen, ist offen. Das Vorgehen ist strukturiert: eigene Netzwerke nutzen, externe Reichweite einbinden, Event als Multiplikator einsetzen.


