Produktname oder Markteintritt: Was zuerst zählt
Eine GLP-1-App sucht ihren Namen und findet ihn nur halb überzeugend. Der Fall zeigt, wie viel Energie Gründer ins Branding stecken und wann das zur Falle wird.

Jolina van Laaten, 22 Jahre alt, entwickelt eine App für Menschen, die GLP-1-Medikamente wie Ozempic oder Wegovy nutzen. Ihr erstes Problem war nicht der Code, nicht die Finanzierung und nicht die Zielgruppe. Ihr erstes Problem war der Name.
Vom Arbeitstitel zum Markennamen
Ursprünglich lief die App unter dem Arbeitstitel "GLP-1-Begleiter". Funktional, aber nicht marktfähig. Van Laaten begann mit einer systematischen Suche und nutzte das KI-Tool Claude, um Ideen zu sammeln. Das Ergebnis war ernüchternd: Die meisten Namen waren bereits vergeben.
Schließlich landete sie bei einem Tiernamen. Libellen stehen für Leichtigkeit und Beweglichkeit, Assoziationen, die sich in ein Logo übersetzen lassen. Die Domain libelle.health war verfügbar. Van Laaten richtete dort eine Warteliste ein.
Die Schwäche des gewählten Namens
Van Laaten selbst beschreibt den Namen als nicht optimal. Das Problem ist konkret: Im Wort "Libelle" steckt das französische "elle", also "sie". Das klingt weiblich. Ihre Zielgruppe sind aber nicht nur Frauen. GLP-1-Medikamente nutzen auch Männer, in wachsender Zahl.
Ein zweites Problem: Die Silbe "belle" bedeutet auf Französisch "schön". Van Laaten will kein Schönheitsideal transportieren. Ihre App soll Menschen helfen, sich in ihrem Körper wohlzufühlen, unabhängig von einem bestimmten Aussehen. Beides widerspricht dem gewählten Namen zumindest teilweise.
Das Feedback aus ihrem Umfeld und von Mitgründern half nicht weiter. Die Meinungen spalteten sich. Manche fanden den Namen gut, andere nannten ihn zu weiblich.
Investor setzt andere Priorität
Den Ausschlag gab Ludwig Ensthaler, Partner beim Berliner Wachstumsfonds 468 Capital. Er besuchte die Fellows des Programms und gab Van Laaten einen klaren Rat: nicht zu lange an Details festhalten, sondern in den Markt einsteigen.
Das ist keine Aussage über den Namen. Es ist eine Aussage über Prioritäten. Ein Name, der zu 80 Prozent passt und den Markteintritt ermöglicht, schlägt einen perfekten Namen, auf den man noch drei Monate wartet.
Was das für andere Gründer bedeutet
Der Fall ist kein Einzelfall. Branding-Entscheidungen fressen Zeit, die junge Gründer oft nicht haben. Die Frage ist selten: Ist dieser Name perfekt? Die Frage ist: Ist dieser Name gut genug, um damit anzufangen?
Verfügbarkeit sollte man prüfen, bevor man sich emotional an einen Namen bindet: Domain, Marke, Social-Media-Handle. Das kostet eine Stunde, spart aber Wochen.
Namen lassen sich ändern. Rebrandings sind aufwendig, aber möglich. Viele Unternehmen haben ihren Namen gewechselt, nachdem sie erste Marktdaten hatten. Wer noch keine Nutzer hat, hat auch noch keine Marke zu verlieren.
Externe Meinungen helfen nur begrenzt. Van Laaten hat Feedback gesammelt und am Ende keine klare Richtung erhalten. Das ist typisch. Namen sind subjektiv. Die einzige Meinung, die zählt, ist die der tatsächlichen Nutzer, und die bekommt man nur durch Markttest.
Fazit
Libelle bleibt der Name, vorerst. Van Laaten schließt eine Änderung nicht aus, wenn die Außenwirkung nicht stimmt. Sie setzt das Produkt über das Branding, ohne das Branding zu ignorieren.
Wer ein Startup führt und noch keinen Namen hat oder den falschen: Entscheiden, testen, korrigieren. Die Alternative ist Stillstand bei vollem Zeitaufwand.


