Nutzerforschung schlägt Baugeschwindigkeit: Was KI-Gründer falsch machen
KI macht Produktentwicklung so schnell und günstig, dass viele Gründer den wichtigsten Schritt überspringen: mit echten Nutzern sprechen, bevor sie bauen. OpenAI-Manager Tevfik Aloglu erklärt, warum das ein Fehler ist.

Produkte, für die früher Entwicklerteams und Monate nötig waren, entstehen heute in Tagen. Das klingt nach Vorteil. Für viele Gründer wird es zum Problem. Tevfik Aloglu, der im Applied-AI-Team von OpenAI arbeitet, beobachtet diesen Effekt täglich. Er war zuvor Gründer, Investor bei Project A und bei BCG Ventures. Sein Urteil: Die meisten KI-Gründer bauen zu früh und zu viel, ohne ihre Nutzer zu kennen.
Bauen ist nicht mehr das Problem
Wer heute ein digitales Produkt entwickeln will, braucht kein Entwicklerteam mehr. Tools wie Codex von OpenAI ermöglichen es, Software per Spracheingabe zu erstellen. Aloglu beschreibt das so: Jemand mit Business-Hintergrund kann heute Produkte bauen. Jemand mit technischem Hintergrund kann heute Geschäftsmodelle entwickeln. Die Barriere, die früher zwischen Idee und Prototyp lag, ist gefallen.
Das ändert, worauf es ankommt. Früher war Entwicklung teuer. Deshalb haben Gründer vor der ersten Codezeile viele Nutzerinterviews geführt. Das war wirtschaftlich vernünftig. Heute entfällt dieser Kostendruck. Die Konsequenz: Viele bauen sofort, ohne zu fragen, ob jemand das Produkt überhaupt braucht.
Der häufigste Fehler laut Aloglu
Aloglu nennt es den größten Fehler unter KI-Gründern: Nutzerforschung überspringen. Wer kein Gespräch mit potenziellen Kunden führt, baut am Markt vorbei, egal wie schnell. Ein Prototyp in einer Woche hilft nichts, wenn er das falsche Problem löst.
Sein Rat ist konkret. Erst eine Hypothese formulieren: Was ist das Problem, das gelöst werden soll? Dann mit Menschen sprechen, die dieses Problem haben. Danach erst bauen. Und dann testen. Diese Reihenfolge gilt heute genauso wie vor zehn Jahren. KI beschleunigt den Bauprozess, nicht den Denkprozess.
Kleine Teams haben heute strukturelle Vorteile
Aloglu hat seine Einschätzung zu Teamgröße grundlegend geändert. Früher hielt er schnelles Wachstum bei der Mitarbeiterzahl für nötig. Heute sieht er das anders. Einzelpersonen und kleine Teams können mit KI Produkte entwickeln, für die früher ganze Unternehmen nötig waren.
Das verändert die Kostenstruktur junger Unternehmen konkret. Wer weniger Entwickler braucht, verbrennt weniger Kapital. Wer weniger Kapital verbrennt, hat mehr Zeit, das richtige Produkt zu finden.
Welche Märkte Aloglu meiden würde
Aloglu nennt ein konkretes Beispiel für Bereiche, in die er heute nicht mehr einsteigen würde: Apps zum Mitschreiben von Meetings oder Notizen. Der Markt ist besetzt. Die Wettbewerber sind etabliert. Neue Anbieter haben kaum Chancen, sich zu verbreiten. Die Idee ist gut. Die Ausgangslage nicht.
Das ist eine nützliche Einschätzung für alle, die gerade eine Idee in einem Bereich verfolgen, der bereits Produkte mit großer Nutzerbasis hat. KI senkt die Hürde zum Markteintritt, hebt aber nicht die Netzwerkeffekte auf, die etablierte Produkte schützen.
Wo Aloglu Chancen sieht
Für B2B-Produkte sieht er Potenzial bei Produktivitätslösungen: Prozesse in Unternehmen automatisieren und verbessern. Im B2C-Bereich nennt er Companion-Apps, die Menschen mit Einschränkungen im Alltag unterstützen. Beide Bereiche haben gemeinsam, dass sie ein klar abgrenzbares Problem lösen und nicht gegen bereits starke Netzwerkeffekte ankämpfen müssen.
Was das für Gründer mit wenig Kapital bedeutet
Wer mit wenig Geld und wenig Zeit gründet, profitiert vom gesunkenen Entwicklungsaufwand. Das ist real. Gleichzeitig steigt die Anzahl der Wettbewerber, die denselben Vorteil nutzen. Mehr Teams können schneller mehr Produkte bauen. Das erhöht den Druck, früh zu verstehen, was Nutzer wirklich wollen.
Nutzerforschung kostet kein Geld. Ein Gespräch kostet eine Stunde. Wer zehn potenzielle Nutzer anruft, bevor der erste Prototyp steht, hat mehr Informationen als der Wettbewerber, der nach einer Woche bereits deployed, aber noch niemanden gefragt hat.
Fazit
KI macht Produktentwicklung schneller und günstiger. Dieser Vorteil gilt für alle. Der Unterschied liegt nicht mehr im Bauen, sondern im Verstehen. Wer vor dem ersten Prototypen mit echten Nutzern spricht, hat einen Informationsvorsprung, den KI nicht automatisch aufholt.


