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15. Oktober 2026 · Ausgabe 10/26 Immer aktuell
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1850 Euro für vier Tage lesen: Das Geschäftsmodell hinter Readaway

Simona Dunsche verkauft Leseauszeiten in der Pfalz für bis zu 1850 Euro pro Person. Was nach Nischenprodukt klingt, folgt einer klaren Geschäftslogik.

1850 Euro für vier Tage lesen: Das Geschäftsmodell hinter Readaway
Symbolbild zur Meldung. Bild: KI-generiert

Vier Tage kein Haushalt, kein Arbeits-Slack, kein schlechtes Gewissen. Stattdessen ein Buch, ein Wellnesshotel in Rheinland-Pfalz und eine Gruppe Frauen, die dasselbe wollen. Das ist das Produkt von Readaway, gegründet 2026 in Köln von Simona Dunsche. Ein Platz im Einzelzimmer kostet 1850 Euro.

Was das Produkt genau ist

Readaway ist kein Buchclub im klassischen Sinn, aber auch kein Seminar. Dunsche kombiniert Übernachtung, Verpflegung und eine lockere Programmstruktur. Yoga, Kochabend und Buchgespräche gehören dazu, sind aber nicht verpflichtend. Das Buch wird zwei bis drei Wochen vor dem Retreat bekanntgegeben.

Das Setting: Hotel Kloster Hornbach in der Pfalz. Vier Tage, drei Nächte. Die Zielgruppe: Frauen ab etwa 30, beruflich oder familiär stark eingespannt.

Dunsche bringt das Konzept selbst auf den Punkt. Ein schönes Zimmer und ein Buch könne sich jede auch allein organisieren, deutlich günstiger. Was Readaway verkaufe, sei die Struktur - also die Bedingungen, unter denen Abschalten tatsächlich gelingt.

Warum das keine triviale Beobachtung ist

Lesekompetenz ist in Deutschland ein ernstes Thema. Die PISA-Studie 2025 zeigt die schlechtesten deutschen Ergebnisse in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften seit Beginn der Erhebungen. Fast jeder dritte 15-Jährige hat laut dieser Studie nur eingeschränkte Lesekompetenzen. Der Anteil leseschwacher Jugendlicher hat sich seit 2015 verdoppelt.

Das betrifft zwar eine andere Altersgruppe als Dunschees Zielgruppe. Aber es beschreibt eine Gesellschaft, in der aktives Lesen zur Ausnahme wird, nicht zur Selbstverständlichkeit. Wer das als Marktlücke begreift, denkt unternehmerisch.

Das Geschäftsmodell im Detail

Einnahmen und Kosten

Bei einem Retreat mit etwa zehn Teilnehmerinnen und einem Preis von 1850 Euro ergibt sich ein Bruttoumsatz von knapp 18.500 Euro pro Veranstaltung. Davon gehen Hotelkosten, Verpflegung, Programmgestaltung und Dunschees eigene Arbeitszeit ab. Genaue Margen nennt die Gründerin nicht öffentlich.

Die Auslastung ist der kritische Faktor. Retreats sind keine skalierbaren Digitalprodukte. Jede Veranstaltung bindet Zeit, Hotelkapazitäten und persönliches Engagement - das begrenzt, wie viele Retreats pro Jahr möglich sind.

Community als zweite Einnahmesäule

Neben den Retreats baut Dunsche einen digitalen Buchclub und lokale Veranstaltungen in Köln auf. Das schafft eine wiederkehrende Zielgruppe, die nicht jedes Mal 1850 Euro ausgeben muss. Es ist der klassische Versuch, aus einem Hochpreisprodukt eine breitere Markenbindung zu entwickeln.

Ob das funktioniert, hängt davon ab, ob die Community-Mitglieder am Ende auch Retreats buchen oder zumindest als Multiplikatoren wirken. Erste Veranstaltungen in Köln hat Dunsche nach eigenen Angaben bereits durchgeführt.

Marktpotenzial: Wachstum, aber noch kein Massenmarkt

Das Marktforschungsunternehmen Future Market Insights prognostiziert für literarischen Tourismus weltweit ein Wachstum von 2,4 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024 auf 3,3 Milliarden US-Dollar bis 2034. Das ist ein globaler Wert, der viele verschiedene Formate umfasst.

Für Deutschland gibt es keine belastbaren Einzelzahlen. Vergleichbare Formate existieren in den USA und Großbritannien bereits länger. Ob sich ein ähnlicher Markt im deutschsprachigen Raum entwickelt, ist offen.

Dunsche spielt kein Massenmarktspiel. Sie adressiert eine klar definierte Gruppe mit hoher Zahlungsbereitschaft. Das ist eine valide Strategie für ein kleines Unternehmen, begrenzt aber auch das Wachstumstempo.

Was Gründerinnen und Gründer daraus ableiten können

Ein hoher Preispunkt ist nur dann vertretbar, wenn das Produkt eine echte Funktion übernimmt, die das günstigere Angebot nicht leistet. Dunsche verkauft nicht Urlaub, sondern die Erlaubnis zum Nichtstun.

Premiumprodukte mit begrenzter Skalierbarkeit brauchen ein zweites Standbein mit niedrigerer Einstiegshürde. Der Buchclub ist dieser Einstieg.

Bei lifestyle-nahen Produkten zählt persönliche Glaubwürdigkeit. Dunsche ist selbst Teil der Zielgruppe. Das ersetzt keine Marketingstrategie, erleichtert aber die ersten Gespräche.

Fazit

Readaway ist kein Startup mit Skalierungsphantasie, sondern ein kleines Dienstleistungsunternehmen mit klar begrenztem Angebot, das auf eine zahlungskräftige Nische zielt. Der Preis von 1850 Euro pro Retreat ist ambitioniert, aber nicht unplausibel, wenn Hotelqualität, Programmstruktur und Community-Komponente stimmen. Ob das Modell trägt, entscheidet sich in den nächsten zwölf Monaten - dann zeigt sich, ob die Nachfrage über den ersten Hype hinausgeht.

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